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2. Bundesliga

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Manege frei für den alten Klassiker

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Über zwei Wochen hatte der SV Darmstadt 98 Zeit, um die beim FC Ingolstadt erlittenen Wunden zu lecken und im Trainingsbetrieb die Defensivprobleme zu beheben. Am Montagabend zum Ausklang der zehnten Zweitligasaisonrunde wird man das Ergebnis der Aufarbeitung sehen, wenn mit dem Erzrivalen 1. FC Nürnberg ein echter Gradmesser mal wieder das Bölle beehrt (Anstoß 20Uhr30). 

Die 0:3-Pleite vom zurückliegenden Spieltag auf dem Schanzerareal wirkte noch einige Tage nach. Die bislang schwächste Performance seit dem Bundesligaabstieg (vielleicht zusammen mit dem Pokalknockout beim Jahn) hinterließ einige Baustellen. Vor allem natürlich, was die „Flut“ der Gegentore betrifft. Dreizehn Einschläge im Kasten des schuldlosen Keepers Daniel Heuer Fernandes während den vergangenen fünf Begegnungen sind ein bisschen viel, um den Anspruch, ein Toppteam der Klasse zu sein, aufrecht zu erhalten. Torsten Frings drückte es mit anderen Worten, aber sinngemäß ähnlich aus. Und auch die aktuelle Rangliste lügt nicht: Der SV98 ist momentan „nur“ noch auf dem achten Platz gelistet.

Man darf gespannt sein, welche Lehren gezogen wurden und vor allem, wie die Mannschaft sie in der Praxis umsetzt. Da kommt der einstige treue Wegbegleiter aus dem Frankenland als Bewährungsprobentester doch gerade recht. Der ruhmreiche Club ist auf Position Fünf beheimatet und scheint heuer sein im eigenen Selbstverständnis immer vorhandenes Aufstiegsmitspracherecht wieder wahrzunehmen, was vor allem den zahlreichen Anhang freut, der nun schon im vierten Jahr sein Team durch die „Zweitliganiederungen“ (Begriff bezieht sich auf das traditionelle Verlangen des FCN, stets erstklassig mitzuwirken) begleitet.

Die Cluberer starteten sehr vielversprechend, mussten aber zuletzt im heimischen Stadion mal wieder einen Rückschlag konstatieren (unglückliches 1:2 gegen die Bielefelder Arminia). Dennoch scheint der Kader gerüstet, wieder ganz oben anklopfen zu können. Auch dank Ex-Lilie bzw. Alm-Hero Hanno Behrens, einem absoluten Leistungsträger im Stammelf-Gefüge. Vor allem auswärts sind die Franken auf Beutezüge aus. Neun ihrer sechzehn Punkte erbeuteten sie in der Fremde. Das sollte dem SV98 im Duell gegen den Nostalgiepartner der 1970er Jahre Warnung genug sein.

1. FC Nürnberg: Einer der klangvollsten Namen im deutschen Kickgeschäft, auch wenn die Aktualität mit Ruhm und Ehre der Vergangenheit schon lange nicht mehr mithalten kann. Seit den ersten bundesweiten (bzw. damals reichsweiten) Titelgewinnen in den 1920ern wird die fränkische Institution nur der Club genannt. Wohlgemerkt mit C wie Cäsar. Ein Klub (mit K wie Konrad) ist ein „normaler“ Fußballverein und der Club (fränkisch Glubb) ist halt der FCN. Zusammen mit Schalke beherrschte Nürnberg die Vorkriegsszenerie. Der Lack bröckelte erst nach der „Zeitenwende“ 1945 allmählich ab.

Trotzdem blieb der gegen den Ball tretende Kultvertreter bis 1969 durchweg erstklassig und feierte noch drei Meisterschaften. Dann geschah das Unfassbare. Just in dem Jahr, als die aufstrebenden Münchener Bayern ihre erste Bundesligaschale einheimsten und die Umgestaltung der nationalen Hierarchie einleiteten, stieg man als amtierender deutscher Champion ab. Das fränkische Zitat „Der Glubb is a Depp“ machte erstmals die Runde. Seitdem konnte der FCN nie mehr an die glorreichen Epochen anknüpfen und entwickelte sich zum Paradebeispiel einer Fahrstuhlmannschaft.

Durch die „69er-Tragödie“ trafen sich auch Darmstädter und Nürnberger Balljongleure wieder, nachdem es viele Jahre zuvor auf dem Boden der alten erstklassigen Oberliga Süd ein kurzes Stelldichein gab (50/51, der SV98 verlor damals zur Premiere im Hochschulstadion 2:3). Von 1971 bis 1980 wirbelten Lilien und Cluberer ununterbrochen gemeinsam in Regionalliga, Zweiter Liga und Bundesliga. Sportverein vs. FCN war einfach der „Klassiker“ jener goldenen Dekade. Währen Blau-Weiß im weinroten Frankenstadion bis auf ein paar wenige Unentschieden nichts gebacken bekam, sah Nürnberg am Bölle meistens kein Land und ging ein paar Mal mit fliegenden Fahnen unter. Als Beleg dieser These glänzt unabänderlich der letzte Saisonspieltag 72/73. Es war Muttertag und die Regionalligameistertruppe des seinerzeitigen Übungsleiters Udo Klug schenkte den hilflosen Gästen sage und schreibe sieben Stück ein. Das 7:0 stand im blau-weißen Historienranking lange allein ganz oben auf dem Highlightzettel und „muss“ sich diesen Status erst seit Mai 2014 mit dem ostwestfälischen Relegationscoup teilen.

Bei jenem Jahrhundertmatch streifte sich Manfred Drexler übrigens letztmals das Nürnberger Trikot über. Wohl beeindruckt von der Darmstädter Virtuosität tauschte er zur neuen Saison 73/74 das weinrote Trikot gegen den 98er-Dress aus und agierte mit dem Höhepunkt des Bundesligaaufstiegs 1978 sechs Jahre als vorbildlich fightender Leitwolf der Lilien, ehe der offensive Mittelmotor nach dem Abstieg 1979 ein Angebot vom Schalker Markt annahm. In der Vorwoche verstarb Manni nach schwer Krankheit im Alter von nur 66 Jahren. Jetzt prallen zwei seiner Ex-Vereine aufeinander. Ein sicherlich würdiger Rahmen, um sich an die Verdienste von Drexler für beide Seiten zu erinnern.    

Von wegen „I don´t like Mondays“ wie von den Boom Town Rats besungen: Vor fast genau drei Jahren (ebenfalls an einem Montag im Oktober) setzten die Lilien beim letzten Gastspiel des FCN am Bölle als Zweitligaaufsteiger den damaligen Bundesligaabsteiger 3:0 schachmatt und legten die Basis für den Durchmarsch in die Beletage. Es war neben dem Wunder von der Alm und dem für die zweite Beförderung in Serie vorentscheidenden 1:0 im Karlsruher Wildpark einer von drei großen Montagstriumphen binnen einem Jahr. Dieser relativ ungewöhnliche Termin zum Wochenbeginn liegt also dem Sportverein und das soll der Club beim angepeilten blau-weißen Comeback in die Erfolgsspur mal wieder zu spüren bekommen. 

Alle Partien vom zehnten Zweitligaspieltag:

Fr 13.10. 18.30

FC St. Pauli – 1. FC Kaiserslautern, MSV Duisburg – Eintracht Braunschweig

Sa 14.10. 13.00

Dynamo Dresden – FC Ingolstadt, VfL Bochum – SV Sandhausen, Arminia Bielefeld – Fortuna Düsseldorf

So 15.10. 13.30

1. FC Heidenheim – Holstein Kiel, Spvgg Greuther Fürth – Erzgebirge Aue, Jahn Regensburg – Union Berlin

Mo 16.10. 20.30

SV Darmstadt 98 – 1. FC Nürnberg

 

Letzte Änderung amFreitag, 13 Oktober 2017 07:30
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