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2. Bundesliga

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Findet der SV98 beim Ligaprimus in die Erfolgsspur zurück?

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Inklusive einem schweren Rucksack vollgepackt mit sportlichen Hypotheken reist der SV Darmstadt 98 zur elften Saisonrunde zum aktuellen Klassenüberflieger und tritt in Düsseldorf zunächst einmal nur als Außenseiter an. Der Anstoß erfolgt  am Freitagabend um 18Uhr30 in der Esprit-Arena, der seit 2004 anstelle des zuvor eingestampften Rheinstadions dienenden Kickheimat der Fortuna.

Vier sieglose Partien hintereinander und siebzehn Gegentore in den vergangenen sechs Spielen: Diese ernüchternden Fakten sorgten dafür, dass der Sportverein nach einem guten Saisonstart tabellarisch inzwischen nur noch Zweitligamittelmaß darstellt und die Fleischtöpfe sehr weit entfernt am Horizont schimmern. Die Einschätzung der nächsten beiden Kontrahenten produziert auch nicht gerade massenhaft Zuversicht für eine baldige Kehrtwende. Fortuna Düsseldorf und Holstein Kiel, das in der Folgewoche das Bölle beehrt, sind als die Nummern Eins und Zwei des Ranking klassifiziert.

Vor dem Match gegen den „Glubb“ hatten Torsten Frings und sein Trainerstab siebzehn Tage Zeit, das Defensivproblem in den Griff zu bekommen. Wie bekannt, half die längere Pause herzlich wenig. Jetzt stehen dem verantwortlichen Gremium lediglich vier Tage zur Verfügung, um nach dem erneuten Rückschlag die Abwehrkompaktheit endlich wieder zu festigen. Vielleicht klappt es ja nach der sehr kurzen Spanne ausgerechnet beim Branchenführer besser. Ein positiver Score nahe der längsten Theke der Welt wäre sicherlich für das angekratzte Selbstbewusstsein Gold wert.

Heimduelle gegen den 1. FC Nürnberg bleiben denkwürdige Veranstaltungen. Früher meist mit dem besseren Ende für den SV98. Am zurückliegenden Montagabend gingen der Schuss bzw. die Schüsse allerdings gewaltig nach hinten los. Dass der fränkische Erzrivale zum zweiten Mal in seiner Historie vier Buden am Bölle erzielen durfte (zuvor 4:0 im Juni 1985), war trotz des bereits vermeidbaren 1:1 im ersten Abschnitt lange nicht unbedingt abzusehen. Doch mit dem 1:2 (51.) brachen alle absichernden Dämme. Der FCN legte nach und hätte sogar noch höher als 3:1 führen können.

Den endgültigen Kardinalfehler leisteten sich die Lilien nach dem 2:3-Anschluss. Statt in den restlichen zwanzig Minuten ruhig und besonnen nach der Möglichkeit für ein Blattdrehen zu fahnden, machten sie die Mühle fahrlässig auf und schluckten 120 Sekunden später die entscheidend bittere Pille zum 2:4. Zwar glückte noch per Eigentor eine weitere Resultatsverkürzung, doch Showdown-Happyends wie beim 3:3 gegen den Dresdner Dynamo sind halt nicht immer auf dem freien Markt verkäuflich. 

Der Sportverein krankt also fortan an der Achillesferse des nervige Gegentorstakkatos. Nach elf Partien hat nur der 1. FC Heidenheim eine diesbezüglich noch schlechtere Bilanz sprich einen Treffer mehr kassiert. Sicherlich sah Joel Mall während seinem 98er-Pflichtspieldebürt zwischen den Pfosten bei dem einen oder anderen Einschlag nicht gut aus. Doch das Defensivdilemma alleine an dem jungen Schweizer Keeper festzumachen, ist natürlich zu einfach. Die Mannschaft muss sich schon im Kollektiv hinterfragen, was derzeit unrund läuft.

Vielleicht findet man ja bis Freitag ein adäquates Konzept für die Balance zwischen der eigenen vorhandenen Torgefährlichkeit und einem Betonanrühren – auch wenn der Gegner Fortuna Düsseldorf heißt und nach elf Spieltagen das  absolute Nonplusultra der Zweiten Liga darstellt. Der Begriff Sensation für diese Dominanz wäre vielleicht etwas übertrieben, aber eine dicke Überraschung ist der mit dem Rundenbeginn einsetzende Positivlauf allemal. Nur ein Unentschieden (zum Auftakt gegen Braunschweig) und eine Niederlage (beim „Kellerkind“ Greuther Fürth)  „trübt“ die Zwischenstatistik. Ansonsten feierte man nur Siege, darunter die letzten vier Partien en block. Der Vorsprung zum Relegationsplatz ist schon als fettes Polster einzustufen und beträgt sechs Punkte.

Vater dieser stark aufstiegsverdächtigen Story ist sicherlich Friedhelm Funkel, der gerade ein neues Kapitel seines Bestsellers „Der alte Mann und der Erfolg“ schreibt. Falls die Saisongeschichte so wie es im Moment aussieht mit einer Krönung garniert wird, wäre es der sechste Bundesligaeinzug des „Übungsleiterveteranen“ und dieser ohnehin von ihm gehaltene Rekord würde noch einmal aufgestockt. Heuer schweben also rosarote Wolken über dem Flinger Broich und der SV98 muss definitiv alle Register ziehen, um der euphorisierten Gastgebermannschaft inklusive dem wieder begeistert mitziehenden Düsseldorfer Publikum einen Dämpfer zu verabreichen. Die Favoritenrolle gebührt auf jeden Fall der Fortuna, was aber erfahrungsgemäß kein Nachteil für den Sportverein sein muss.

Lilien und Fortunen lieferten sich bislang exakt ein Dutzend Gefechte. Mit Ausnahme der Zweitligasaison 14/15, als F95 das Kunststück fertigbrachte, als einziger Verein den SV98 auf seinem Weg zum Durchmarschwunder in Form von  zwei Niederlagen zu ärgern (deswegen steht aus blau-weißer Sicht noch eine Rechnung offen), muss man schon mindestens in den 1980ern geboren sein, um sich an die teilweise unvergessenen Konfrontationen zu erinnern.

Die Fortuna wurde 1895 im Arbeiterviertel Flingern gegründet. Am Flinger Broich, dem heutigen Paul-Janes-Stadion (benannt nach dem berühmten Abwehrspieler, einer Vereinslegende, die nur für seinen Heimatklub kickte und bis 1970 deutscher Rekordnationalspieler war), feierte Düsseldorf mit der Meisterschaft 1933 (3:0-Finalsieg gegen Schalke ausgerechnet im „Feindesland“ des Müngersdorfer Stadions zu Kölle) den bis heute größten Triumph. Nach dem Krieg wurde es ruhiger um F95. Wegen einem zweimaligen Abstieg aus der alten Oberliga West verschickte der DFB bei der Klassenneuordnung 1963 statt einem Bundesligaticket nur eine Startberechtigung für die Regionalliga West in die Altbiermetropole. Der erste Aufstieg 1966 hatte nicht lange Bestand, aber nach dem zweiten erfolgreichen Anlauf 1972 etablierte sich die Fortuna bis 1987 in der Beletage. Legendäre Höhepunkte jener Ära waren die DFB-Pokalsiege ´79 und ´80 gegen Hertha bzw. den 1. FC Köln (was für eine Genugtuung für die ganze Stadt Düsseldorf) sowie natürlich 1979 das Europapokalendspiel im Cupsiegerwettbewerb von Basel, wo sich der haushohe Favorit FC Barcelona mit dem alpinistischen Deutschlandschreck Hans Krankl erst während der Verlängerung 4:3 durchboxen konnte.

Ab 1987 erarbeitete sich F95 den Ruf einer Fahrstuhlmannschaft. „Auf und nieder, immer wieder“ lautete das Credo. Bestes Beispiel für diese These sind die Durchmarschjahre 1992 bis 1996, als die Fortuna erst von der Bundesliga in die Amateuroberliga abstürzte und im selben Eiltempo wieder ins Oberhaus zurückkehrte. Aber das Substantiv Konstante blieb ein Fremdwort am Rhein. 2002 war der viertklassige Tiefpunkt erreicht, doch danach ging es steil nach oben. 2012 gelang mit Norbert Meier (ja, der am Bölle nicht gerade Ruhmesblätter hinterlassende Coach hat als Übungsleiter auch erfreulichere Epochen erlebt) in zwei Relegationsnervenschlachten gegen Hertha BSC sogar ein Bundesligacomeback, das allerdings nach zwölf Monaten schon wieder als Intermezzo abgeheftet wurde. Jetzt schraubt die Fortuna in ihrer fünften Zweitligasaison hintereinander am nächsten Comeback Richtung Oberhaus.

Der letzte 98er-Sieg in Düsseldorf liegt übrigens 29 Jahre zurück. Am 10. September 1988 sicherten Uwe Kuhl und Dieter Trunk ein 2:1 im Rheinstadion. Ein Remake am Freitagabend wäre natürlich Balsam auf die blau-weiße Seele und würde das murrende Umfeld bestimmt besänftigen.

Alle Partien vom elften Zweitligaspieltag:

Fr 20.10. 18.30

Fortuna Düsseldorf – SV Darmstadt 98, FC Ingolstadt – 1. FC Heidenheim

Sa 21.10. 13.00

Eintracht Braunschweig – VfL Bochum, Union Berlin – Spvgg Greuther Fürth, Holstein Kiel – Arminia Bielefeld

Sa 22.10. 13.30

1. FC Nürnberg – Dynamo Dresden, 1. FC Kaiserslautern – MSV Duisburg, Erzgebirge Aue – Jahn Regensburg

Mo 23.10. 20.30

SV Sandhausen – FC St. Pauli

Letzte Änderung amDonnerstag, 19 Oktober 2017 20:09
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