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2. Bundesliga

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Nach einem Erfolgserlebnis lechzende Lilien vs. überraschend hoch fliegende Störche

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Vor dem Start in die neue Spielzeit hätte man Bundesligaabsteiger SV Darmstadt 98 gegen Zweitligaaufsteiger Holstein Kiel noch als klaren Favoriten gehandelt. Doch die Vorzeichen haben sich radikal verändert. Zur zwölften Saisonrunde empfangen die Lilien mit einem üppigen Rückstand von zehn Punkten den Sensationsstorch von der Förde (Anstoß Samstag um 13Uhr am Bölle).

Hier drei Niederlagen hintereinander respektive fünf sieglose Partien en block und dort vier „Dreier“ in Serie und über die ganze Spielzeit nur von zwei Ligapleiten belastet: Diese gnadenlosen Statistiken belegen, dass in Südhessen momentan eher sportliche Stagnation vorherrscht, während durch das nördlichste Bundesland eine Euphoriewelle nach der anderen brandet. Studiert man ganz nüchtern und banal die Rangliste, dann stellen die Lilien derzeit das Paradebeispiel eines Mittelfeldteams dar: 20:20 Tore, je vier Siege und Niederlagen plus drei Unentschieden, Platz Zehn in der Tabelle.

Das ist übrigens die schlechteste Zweitligapositionierung seit Mai 1993 (damals schloss der Sportverein die Runde auf der 24.!! Position ab; die Alteingesessenen wissen, warum…). Zurück zur Aktualität: Die Kluft zu den beiden Relegationspositionen nach oben und unten verläuft ungefähr in identischer Dimension (sechs bzw. sieben Punkte). Quo Vadis also, SV98? In welche Richtung gehst Du? Das von vielen erhoffte Aufstiegsmitspracherecht ist inzwischen verstummt und die Berufzweckpessimisten orakeln nach der Talfahrt schon von einer baldigen Verstrickung in den Klassenerhaltskampf.

So weit gehen wir nicht und hoffen, dass der Bock schnellstmöglich umgestoßen wird. Nach der verpassten Befeiungsschlagchance beim Spitzenreiter Fortuna Düsseldorf (im Gegensatz zu den vorausgegangenen Begegnungen war am Rhein nicht die wackelnde Defensive, sondern das mangelnde Offensivdurchsetzungsvermögen der negative Knackpunkt) bietet sich der Mannschaft vom momentan die erste echte „Talsohle“ seiner noch jungen Trainerkarriere durchschreitenden und verbissen am Wendemanöver arbeitenden Übungsleiter Torsten Frings die nächste Möglichkeit, das blau-weiße Flaggschiff wieder auf Vordermann zu bringen. Und keine Angst: Selbst im Fall einer weiteren Resultatsenttäuschung gegen die Störche wird niemand Kielgeholt. Schließlich trägt der 98er-Dampfer nicht die Namen „Bounty“ oder „Ghost“....

Kommen wir zur Überraschungskogge aus der Hauptstadt Schleswig-Holsteins, die (natürlich ohne es selbst vorzugeben) auf Durchmarschkurs schippert. Erst vor wenigen Monaten rückte der Traditionsverein nach einer 36jährigen Durststrecke (oft auch quer durch die nordischen Amateurgeesten) wieder in die Zweitklassigkeit hoch und sorgte dort vom Fleck weg für Furore. Momentan erinnert vieles in Kiel an den SV98 von 2014/15. Von wegen „Aller Anfang ist schwer“: Trainer Markus Anfang hat sein Aufstiegsteam sofort in die obersten Regionen gehievt. Prunkstücke sind die Einnetzqualitäten (insgesamt 28 Buden und neun Treffer von Marvin Ducksch bilden jeweils Klassenbestwert) sowie die Auswärtsstärke (Nummer Eins im „Fremdranking“).

Die Lilien müssen diese anrollenden Vorzüge also irgendwie neutralisieren. Auch den Fakt, dass die Störche eine Hundertprozenterfolgsquote am Bölle vorweisen können. Beim bislang einzigen Vergleichsfight an der Nieder-Ramstädter Straße setzten sie sich am finalen Drittligaspieltag 13/14 mit 3:1 durch und feierten damit den Klassenerhalt. Das war also praktisch der Grundstein für die heutige Erfolgsstory. Den damaligen Sieg muss man allerdings relativieren. Beim im Schonungsmodus sein Pensum abspulenden Sportverein spukte „nur“ noch die anschließende Relegation im Hinterstübchen herum (natürlich völlig zu Recht, was sich knapp eine Woche später bestätigte). Außerdem fehlten Aytac Sulu und Jerome Gondorf gesperrt, weil sich das Leistungsträgerduo am vorletzten Spieltag bei der Brita in Wiesbaden allzu bereitwillig die zehnte gelbe Saisonkarte abholte, um unbelastet das bevorstehende Wundermärchen zu genießen.

Das Vorrundenmatch 13/14 – gleichzeitig das Premierenduell zwischen den beiden Kultmarken – hatte der SV98 an der Ostsee mit 2:0 zu seinen Gunsten entschieden. Milan Ivana und Benjamin Gorka plünderten mit ihren Toren das Storchennest. Mehr interne Konfrontationen gab es noch nicht. Einen Ligazusammenschluss  verhinderte zuvor der immense geographische Unterschied und während den Darmstädter Erst- und Zweitligazeiten waren die Kieler außen vor.

Der Altmeister (noch vor dem ersten Weltkrieg sicherten sich die Störche 1912 im Hamburger Stadion Hohe Luft durch ein 1:0 über den Karlsruher FV den zehnten nationalen Titel) hatte es aufgrund der übermächtigen lokalen Handballkonkurrenz des THW immer schwer, sich zu behaupten. Doch dank seiner Fanstammkundschaft hielt man sich stets über Wasser und könnte demnächst sogar dem aktuell schwächelnden THW den Rang als sportliche Nummer Eins in Kiel ablaufen. Schleswig-Holstein durfte noch nie einen Fußballbundesligisten bestaunen. Vielleicht ändert sich das ja in ca. einem Dreivierteljahr…

Unabhängig dieser virtuellen Zukunftsmusik will der SV98 die Kieler wieder auf den Realitätsboden zurückholen und vor allem den eigenen Abwärtstrend stoppen. Als Vorteil für die Lilien könnte sich erweisen, dass die Störche am Pokaldienstagabend als Gast von Mainz 05 in die Verlängerung mussten und nach dem unglücklichen 2:3 vielleicht körperlich respektive mental angezählt sind. So oder so: Es wird mal wieder Zeit für eine blau-weiße Duftmarke nach all den Dämpfern der jüngeren Vergangenheit, auch wenn jedem 98er-Protagonisten die Schwere der bevorstehenden Aufgabe bewusst ist. Der norddeutsche Gast soll spüren, dass der Darmstädter Selbstbedienungsladen ab sofort geschlossen hat…

Alle Partien vom 12. Zweitligaspieltag:

Fr 27.10. 18.30

FC St. Pauli – Erzgebirge Aue, Arminia Bielefeld – FC Ingolstadt

Sa 28.10. 13.00

SV Darmstadt 98 – Holstein Kiel, Spvgg Greuther Fürth – SV Sandhausen, Jahn Regensburg – 1. FC Kaiserslautern

So 29.10. 13.30

Dynamo Dresden – Eintracht Braunschweig, 1. FC Heidenheim – 1. FC Nürnberg, MSV Duisburg – Union Berlin

Mo 30.10. 20.30

VFL Bochum – Fortuna Düsseldorf

 

Medien

Letzte Änderung amFreitag, 27 Oktober 2017 08:25
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