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2. Bundesliga

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Bremst der SV98 bei den heimstarken Eisernen seinen Sturzflug?

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Aufgrund von nur noch drei Punkten Vorsprung zum Abstiegsrelegationsrang klingelt am Bölle die Alarmglocke. Mit dem Ballast von acht sieglosen Begegnungen en block reist der SV Darmstadt 98 jetzt als Außenseiter zum Aufstiegsaspiranten Union Berlin und fahndet in der alten Försterei nach einem Ausgang aus der sportlichen Talsohle (Anstoß Freitagabend 18Uhr30).

Das 1:2 gegen den SV Sandhausen brachte das in den vergangenen Jahren relativ stabile 98er-Fass ein wenig zum Überlaufen. Nicht die Niederlage an sich, sondern hauptsächlich die Art und Weise der kickenden Darbietung bugsierte die ansonsten meist geduldig mitziehende Anhängerschaft auf die sprichwörtliche Palme. In der Tat war es selbst für einen neutralen Beobachter erschreckend, wie die Lilien nach einer vierzehntägigen Punktspielpause null Komma null Rezepte ausstellten, um gegen einen mittelmäßigen Kontrahenten das Minusserienleid zu kurieren.

Statt der erhofften Aufbruchstimmung herrschte nach dem nächsten und vollauf gerechtfertigten Rückschlag allerorts in Südhessen Katzenjammer, der in den Gazetten, sozialen Netzwerken und an den Stammtischen sogar in erhitzten Trainerdiskussionen mündete. Torsten Frings steht plötzlich verschärft in der öffentlichen Kritik und scheint im Gegensatz zur internen Vereinsrückendeckung bei einem Teil der blau-weißen Fans einiges von seinem in der Bundesligarückrunde erworbenen Kredit zu verspielen. Das Reputationscomeback dürfte für den Übungsleiter nun auf einer erhöhten Prioritätssprosse stehen.

Hilfe benötigt der am Mittwoch sein 41. Wiegenfeste feiernde Frings hierfür vor allem natürlich von seiner Mannschaft, die seit Wochen mehr oder weniger immer dann „herumgurkt“, wenn es darauf ankommt: Nämlich in den entscheidenden Matchphasen auf dem Fußballplatz. Das sicherlich vorhandene Potenzial kann ja nicht heut auf morgen verschwunden sein und auch der Hinweis auf die langzeitverletzten Stammkräfte dient mit Blick auf den breiten Kader höchstens sekundär für eine entschuldigende Erklärung. Als wesentlicher Miserenknackpunkt gesellt sich zudem das momentan brach liegende Selbstbewusstsein hinzu, das prinzipiell nur in Form von Erfolgserlebnissen wieder zu reaktivieren ist.

Die alte Försterei in Köpenick scheint realistisch betrachtet zunächst einmal ein undankbarer Austragungsort, um den Verbesserungswunsch in die Realität umzumünzen. Union Berlin hat sein Kultstadion zu einer kleinen Festung ausgebaut und empfängt den Sportverein als eines von zwei Teams neben Fortuna Düsseldorf, das während der laufenden Zweitligasaison noch keine Niederlage in den eigenen vier Wänden kassierte. Dank dieser Heimstärke mischen die Eisernen  wie bereits in der vorigen Spielzeit (am Ende Vierter) munter im Aufstiegsrennen mit und sitzen vor dem Kick-off am Freitag auf dem dritten Ranglistenplatz, obwohl letzte Woche der vorausgegangene Positivlauf durch das 3:4 in Heidenheim auf ein Stoppschild prallte. 

Seit der früherer Schalker Jens Keller das coachende Zepter schwingt (ab Sommer 2016), geht der sportliche Daumen noch weiter nach oben. Union spielt in der deutschen Hauptstadt jetzt schon sehr lange die zweite Fußballgeige hinter der alten Dame Hertha und bereichert seit 2009 ununterbrochen die Zweite Liga. Allerdings fehlt noch die absolute Krönung sprich Debüteinzug in die Bundesliga. Vielleicht klappt es ja im kommenden Mai. Dieses Szenario ist durchaus vorstellbar und wäre aus dem objektiven Blickwinkel den vielen Fans der Eisernen auch zu gönnen.    

Erst ein einziges Mal gab der SV98 bislang seine blau-weiße Visitenkarte beim roten Gastgeber ab. In der Durchmarschrunde 14/15 gelang Marcel Heller die 1:0-Führung. Die hielt bis zur 85. Minute, ehe Christopher Quiring doch noch zum glücklichen Ausgleich einlochte. Für das spät geschluckte 1:1 revanchierten sich die Lilien mehr als eindrucksvoll im Rückspiel und schickten die Eisernen mit einer 5:0-Packung (Tore Romain Bregerie, Milan Ivana, Leon Balogun und zweimal Captain Aytac Sulu) vom Bölle nach Köpenick zurück. 

Union ist sowohl in den heimatlichen Gefilden als auch im gesamten Osten der Republik eine feste Institution. Eigentlich erst 1966 gegründet verstand man sich von jeher als Nachfolgeklub der ebenso legendären Union Oberschöneweide. Schon damals galt das Publikum als ungewöhnlich treu, weshalb der seit den 1920er-Jahren existierende Begriff „Eisern Union“ (wegen der Stahlindustrie) eine neue Dimension erhielt (eiserne Verbindung zwischen Verein und Fans). Die alte und angeblich versunkene Tradition lebte wieder auf, erst recht, als man in der DDR im krassen Gegensatz zum Stasi-Repräsentant und Abonnementsmeister BFC Dynamo als heimlicher Liebling der Regimegegner fungierte.

Nach der Wende bemühten sich die Offiziellen vergeblich um einen Zweitligaaufstieg und riefen durch ihr Finanzchaos mehrfach eine Konkursgefahr hervor. 2001 gelang dann endlich der Durchbruch: Meister der Regionalliga Nord und Beförderung in den Bundesligaunterbau. Als sensationelle Zugabe stürmten die Wuhlheider (weiterer Spitzname nach einem Waldgebiet im Köpenicker Ortsteil Oberschöneweide) noch als offizieller Drittligist ins Finale des DFB-Pokals gegen Kultkollege und Vizemeister Schalke 04, der eine Woche nach dem vom Pfälzer Dentistenschiri Merk in Hamburg verursachten Vierminutentrauma zur Titeltrostspende ins Olympiastadion jettete. Unvergessen, wie sich vor dem Anpfiff 40000 von Nina Hagen angeführte Unioner gegen 40000 Knappen einen lautstarken Arienwettstreit ihrer Vereinshymnen lieferten. Im Match roch der Underdog nach zwei Aluminiumknallern am Überraschungscoup, ehe Jörg Böhme mit seinem Standarddoppelschlag zum 2:0 das Kreiselleid doch noch erheblich lindern konnte.

2004 rutschte Union wieder in die Regionalliga ab und wurde zum Entsetzen der Fans 2005 in die Oberliga durchgereicht. Doch die Eisernen bestätigten ihren Ruf als Stehaufmännchen, kehrten postwendend zurück und feierten 2009 mit dem zwei Jahre zuvor verpflichteten Trainer Uwe Neuhaus als Champion der neuen Dritten Liga ihre Renaissance in der Zweitklassigkeit, obwohl man wegen Umbaumaßnahmen an der alten Försterei (Teile der Aufbauarbeiten übernahmen die Fans) zeitweise im ungeliebten Jahn-Sportpark, der Heimstätte des Erzrivalen BFC Dynamo, auflaufen musste. Jahr für Jahr stabilisierte sich Union und inzwischen dürfen sich die Eisernen nach dem Niedergang der Münchener Löwen stolz dienstältester Nonstopzweitligist nennen (durchgehend seit 2009).

Alle Partien vom 15. Zweitligaspieltag:

Fr 24.11. 18.30

Union Berlin – SV Darmstadt 98, SV Sandhausen – 1. FC Heidenheim

Sa 25.11. 13.00

Eintracht Braunschweig – 1. FC Nürnberg, Holstein Kiel – FC Ingolstadt, Jahn Regensburg – MSV Duisburg

So 26.11. 13.30

Spvgg Greuther Fürth – FC St. Pauli – 1. FC Kaiserslautern – Arminia Bielefeld, Erzgebirge Aue – VfL Bochum

Mo 27.11. 20.30

Fortuna Düsseldorf – Dynamo Dresden

 

Letzte Änderung amDonnerstag, 23 November 2017 11:29
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